
Das Stück:
"...in Herrn Ubu [können Sie] beliebig viele Anspielungen sehen oder eine simple Kasperlefigur, in die ein Pennäler einen seiner Lehrer verzerrt hat, der für ihn der Inbegriff alles Grotesken war."
Dergestalt vage führt Alfred Jarry 1896 in der Vorrede zur offiziellen Uraufführung des Ubu roi seine Titelfigur ein.
Was als bloßer Schülerulk eines Fünfzehnjährigen begann, schaffte so den viel beachteten Sprung auf die renommierte Bühne des Théâtre de l'Œuvre in Paris. Jarry hatte gemäß den Wünschen der Schauspieler starke Striche vor allem in den letzten beiden Akten vorgenommen, um ein einigermaßen verständliches Stück "von unfehlbarer Komik" zu gewinnen.
Dennoch löste bereits das erste auf der Bühne gesprochene Wort einen heftigen Theaterskandal bei dem pikierten Pariser Publikum aus. Das Stück wird von der Kritik als "ein Gewebe an Dürftigkeiten, mit maßlosen Fäkalspäßen eines flachen Geistes" abgetan, ist doch die Handlung rasch umrissen: "Ubu treibt Verschwörung, tötet den König, macht sich selber zum König, wird seinerseits gestürzt und flieht (...)".
Doch wäre mit dieser dürren Silhouette nicht erklärlich, weshalb Alfred Jarrys schwarze Komödie als die Geburtsstunde des modernen Avantgarde-Theaters gilt.

Über den oft absurden Schockeffekt hinaus führt Jarry mit seinen beiden Hauptfiguren eben jenes Gefährlich - Abgründige vor Augen, das sich hinter der Biedermann-Maske von "Vatter" und Mutter Ubu verbirgt:
Seine Feigheit und Großmäuligkeit werden kompensiert von ihrer Machtgeilheit und ihrer Hinterlist. Seine Gefräßigkeit und sein Geiz finden eine Steigerung durch ihre dümmliche Selbstgerechtigkeit und plumpe Anzüglichkeit. Ihre Skrupellosigkeit lässt seine Grausamkeit bis zum allumfassenden Massaker überschießen.
Diese düster-komische Figurenzeichnung nimmt nicht nur offensichtlich Anleihe bei Shakespeares Macbeth oder Heinrich VI., sie spiegelt sich offensichtlich auch in realen Machthabern des 20. Jahrhunderts. Und spätestens hier endet die Hanswurstiade, die Jarry einem Publikum anzubieten scheint, das auf bloß drastisches Vergnügen aus ist.
Die Vielschichtigkeit der nur scheinbar so platten Hauptfiguren liefert uns denn auch abermals den Anlass, sie in jeweils vier Typen aufzudröseln, die sich wechselseitig ergänzen und in ihrer Wirkung verstärken. Neben der drastischen Kürzung des Schlusses ist dies aber nicht die einzige Änderung der Textvorlage. Die Hinzufügung eines "roten Fadens" ermöglicht - ein wenig auch in Anlehnung an den antiken Chor - auf einer weiteren Ebene die von Jarry angelegte ironisierende Distanzierung und Kommentierung der nicht immer logisch und kontinuierlich sich entwickelnden Spielhandlung.
"Was die Handlung betrifft, die jetzt beginnt, so spielt sie in Polen, das heißt Nirgendwo."
P.V.
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