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  Großes Theater am Leibniz
Wiederum gelungener Geniestreich von Petra Vetter und ihrem Team
aus "Der Bote" vom 29.03.2007
 

ALTDORF - "Großes Kino!" Der spontane Kommentar nach der gelungenen Premiere der Theatergruppe des Leibniz-Gymnasiums kam von einem, dessen Lob das Ensemble durchaus ernst nehmen darf. Der begeisterte Zuschauer war selbst Schauspieler der Schultheatergruppe der ersten Stunde vor 25 Jahren, leitet heute das sich aus der Ursprungsformation gegründete "the4ter e.V." in Nürnberg und ist sogar hauptberuflich beim Stadttheater Fürth tätig.

Mit Kino ist natürlich Theater gemeint, und mit "König Ubu" ist also großartiges und vor allem witziges Theater in der Altdorfer Gymnasiumsaula zu sehen.

Warum Petra Vetter das Werk von Alfred Jarry ausgewählt hat, könnte mehrere Gründe haben. Einmal hat der französische Schriftsteller in diesem Jahr seinen 100. Todestag (1873 bis 1907), dann gibt das Stück eine Menge Rollen für die große Anzahl an Darstellern einer Schultheatergruppe her. Vielleicht hat es allen Beteiligten auch einfach Freude bereitet, einen Schülerulk aus den 1880er Jahren, aus dem Jarry letztlich eine groteske Kommödie machte, neu in Szene zu setzen. Wie auch immer, es war in jedem Fall eine gute Wahl, denn man merkt dem wilden Treiben auf der Bühne den Spaß an der Inszenierung an.

Nach über 100 Jahren Theatergeschichte hat das Stück nichts von seiner Lebendigkeit eingebüßt, wobei es zur Zeit seiner Uraufführung 1896 in Paris noch für einen richtigen Skandal sorgte. Jarry verzichtete auf eine traditionelle Handlungsführung und vermischte bewußt obszöne Sprache mit absurden Elementen. Er gilt daher als Avantgardist vor Dada und Surrealismus. Nach wie vor modern ist das Werk aber deshalb, weil mit beißender Ironie jegliche Art von Scheinmoral angeprangert und politische und soziale Macht in Frage gestellt wird. König Ubu (im Stück Vatter Ubu, sprich "Übü") ist ein unfähiger, bornierter, machtgeiler aber feiger Spießer, der von seiner Frau angestachelt wird, den König zu stürzen und sich selbst an die Macht zu bringen. Im Prinzip eine brutal-komische Parodie auf die Shakespearschen Königsdramen.

graphik/th-2007-8.jpg In vierfacher Besetzung
Ein Geniestreich oder in diesem Fall eher ein Regiestreich, ist in der Inszenierung die Idee, König Ubu und seine Frau jeweils vierfach zu besetzen. Das sind in der Rolle des Vaters: Christian Macht, Julia Blackman, Sebastian Kögel und Kyra Göbel, die schrille Mutter mit Lockenwicklern und ganz in pink spielen: Magdalena Mock, Corinna Kratzer, Stefanie Berger und Felix Röser. Durch die vier Personen in einer kommt einerseits die Vielschichtigkeit der sonst scheinbar flachen Charaktere zum Ausdruck, andererseits wird das eh schon absurde Stück durch das Chaos noch grotesker.


Zum allgemeinen Bühnengetümmel tragen auch die drei Pfahlgeister mit den Namen Zinne, Keil und Sparren, wunderbar dadaistisch von Mirjam Roth, Theresia Raum und Alena Fraaß dargestellt, bei. Die drei kommentieren das Geschehen treffend mit sich ständig wiederholenden "möp", "plopp" und "huii".

Besonders überzeugt diese absurde Zutat in der Verschwörungsszene, nach der sich "soweit so gut, im nächsten Akt fließt Blut" der Rote Faden ankündigt.

Der Rote Faden tritt in Gestalt der reizenden Juzha Zillich, Anja Sieber und Isabelle Tambakis auf. Auch dies ist wieder ein witziger Regieeinfall der, als Anspielung an den antiken Chor, vor allem der Kommentierung und Distanzierung das sich nicht immer so leicht nachvollziehbaren Handlungsablaufes dient. Bereits in Stück angelegt ist die Besetzung ganzer Armeen von einer einzigen Person.

Den steifen General Lasky sowie Zar Alexis spielt gekonnt Manuel Künzel. Hannes Hißmann stellt trefflich den naiven König Wenzel mit der aufgemalten Dauergrinse und einen Schreiber dar.

Mehrere Soldaten bringt Annika Schreiner herrlich dümmlich darstellerisch auf den Punkt, die ganz polnische Armee hat Sarah Samson gut im Griff. Felix Vestner überzeugt nicht nur mit der russischen Armee, sondern liefert auch noch die Gerichtsherren und trägt zur Bühnenmusik bei, der Adel und die Ratsherren bringen Anna Egger durch das dargestellte Massensterben ins Schwitzen, Lydia Böckelmann bringt die Einfältigkeit und Gutmütigkeit des Volkes und der Bauern auf den Punkt.

Susanne Hübner stirbt und erwacht und stirbt abermals gekonnt ironisch als Königin Rosamunde. Der mehr oder weniger durch sein turbulentes Leben stolbernde Bubelas wird überzeugend durch Simon Reuter dargestellt. Lisa Bellmann wechselt passend die Gesinnung in Hauptmann Tatzensaum.

Viel Aufwand steckt in Kostüm und Maske, liebevoll schwülstig-kitschig ist die Ausstattung, vor allem der Mutter Ubu, wobei Bühne und Requisite, den Anweisungen das Autors entsprechend, minimalistisch aber gut durchdacht ausgestattet sind. Einen besonderen künstlerischen Beitrag liefert Wolle Völkl mit seinem komponierten musikalischen Konzept. Sowohl die von Chopin abgeleitete Musik im Hintergrund, als auch die Percussion auf der Bühne geben der insgesamt stimmigen Inszenierung mehr als nur den passenden Rahmen. Alle Achtung vor der schauspielerischen Leistung, der Arbeit hinter den Kulissen, der technischen Leitung von Walter Flintsch und der einfallsreichen Regie von Petra Vetter: großes Theater

SILKE KEMPE


 
 
last update : 01.05.2018
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