Ödön von Horváth
"Hin und Her"
Premiere: Sa. 16.03.2013 20:00 Uhr
"Das sind halt so die kleinen Ungerechtigkeiten des menschlichen Lebens!", philosophiert der Grenzposten Szamek auf Havliceks Frage, warum er nicht auch nach seinem Bankrott in dem Land bleiben darf, in dem er sein ganzes Leben zugebracht und seine Steuern gezahlt hat. Auf einmal soll er in seine „Heimat“ abgeschoben werden, in das Land, mit dem ihn nichts verbindet außer seiner Geburt. Und das sieht sich genauso wenig zuständig für den Ausgewiesenen. Eine groteske Situation!
So grotesk wie die unreflektiert tradierte Feindschaft der Staaten X und Y, angesichts der unübersehbar engen Beziehungen zwischen den Bürgern im Grenzgebiet: natürlich kennt man sich, auch wenn man sich grundsätzlich misstraut.
Mindestens ebenso grotesk muss dem Zuschauer das "Hin und Her" der Regierungschefs erscheinen, die verhandeln wollen und doch die Grenzen ihrer Politikerrolle – und ihrer privaten Schwächen - nicht überschreiten können. Oder die Tatsache, dass große und kleine Schmuggler und Eva auf dem Weg zu ihrem Konstantin diese Grenze nicht wirklich als ein Hindernis betrachten. Sie erweist sich in diesem Stück als eine verquere papiererne Idee von Politikern, die von ihren braven Exekutivorganen auch gegen die eigenen Interessen verteidigt wird.
"Hin und Her" ist ein grotesk überzeichnetes Lustspiel im schlichten Gewand, in dem spießige Pappkameraden einen armen, arm gewordenen, braven Bürger drangsalieren. Da braucht es dann schon himmlischen Beistand, in der - von uns nachträglich eingefügten - Figur eines kommentierenden und im Hintergrund agierenden „Szenenengels“ mit oft grenzüberschreitenden irdischen Bedürfnissen und Ansichten, wenn es aus ihren festzementierten Grenzen noch einen Ausweg geben soll.
Und schließlich sind sie trotz ihrer Borniertheit irgendwie auch alle zu verstehen: Frau Hanusch auf ihrer sentimentalen und doch ganz handfesten Suche nach privatem Glück ebenso wie Thomas Szamek, der das Beste für seine Tochter möchte und die Frau des Privatpädagogen, die sich nicht länger ihrem „Gatten“ unterordnen will, aber auch keine anderen Verhaltensmuster kennt.
Eine Komödie geht gut aus - das gehört zu der Definition der Gattung, aber das so offensichtlich konstruierte Happy-End demonstriert geradezu eine weitere Grenze. Die zwischen der Fiktionalität der Bühne, auf der ein friedliebender "deus ex machina" mit einem einfachen Schriftstück die Grenzen öffnen kann, und der Realität der Grenzzieher und Grenzposten auf dieser Welt.
Grenzziehungen und –überschreitungen haben wir in der aktuellen Inszenierung denn auch in anderer Hinsicht als Herausforderung gesehen: das Hin und Her, das Spiel mit Maskerade und Schein, das der Text anlegt, haben wir weiter getrieben und alle Rollen gegengeschlechtlich besetzt. Dabei kamen interessante Erkenntnisse zustande über geschlechtsbedingte Sichtweisen und Verhaltensunterschiede. Manches ist dabei sicherlich im Klischee stecken geblieben, immer wieder hat es uns aber auch die Augen geöffnet, dass man sich selbst nicht als das Maß aller Dinge sehen darf.
P.V.