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„Hin und her“ zwischen Staaten und Geschlechtern aus "Der Bote" vom 18.03.2013
Wie ein Ping-Pong-Ball wird der ehemalige Drogeriebesitzer Ferdinand Havlicek zwischen zwei verfeindeten Staaten „hin und her“ gescheucht. Nach seinem Bankrott soll er in das Land seiner Geburt abgeschoben werden, doch dort verweigert man ihm die Einreise – seine Papiere sind abgelaufen. Nur auf der Brücke über dem Grenzfluss darf der unfreiwillig Staatenlose hausen, der von Mara Göbel angenehm zurückhaltend als ergebenes „Weichei“ gespielt wird. Versorgt wird Havlicek von Frau Hanusch (selbstironisch: Jakob Meisel), die ein Auge auf das Bürokratieopfer geworfen hat. Damit ist die resolute Dame eine der wenigen, die Mitleid mit dem Ex-Drogisten hat.
Vom korrekten Grenzschützer Konstantin kann der verarmte Havlicek jedenfalls keine Hilfe erwarten. Konstantin (überzeugend: Cassandra Perl) bewacht pflichtbewusst mit polierten Stiefeln das Ufer auf der rechten Seite der Brücke. Doch seinen Kollegen auf der anderen Seite die missliche Lage des Drogisten erklären? Kommt nicht in Frage. „Ich? Dort hinüber? In Uniform? Na das gäb’ ja einen sauberen Grenzzwischenfall mit unabsehbaren Nachfolgen. Ich darf ja nicht einmal auf die Brücke. Dabei ist die doch neutral. Das ist grotesk.“ Um Havlicek herum haben die Schüler der neunten bis zwölften Klasse das ganze Ausmaß des skurrilen Grenzalltags mit viel Witz inszeniert: Die Bürger beider Staaten haben sich längst mit dem Zustand arrangiert und pflegen untereinander regen - nicht selten intimen - Kontakt. Kommentiert wird das Geschehen von einem eigens ins Stück geschriebenen „Szenenengel“ (René Kardós), der die Zuschauer durch die turbulenten Verhältnisse lotst. Während am linken Ufer der Grenzer Thomas Szamek (herrlich rüpelhaft verkörpert von Nina Schultz) mit seinen Kameraden Mrschitzka (Marlis Balzert) und Vavrinek (Alena Oberste-Schemmann) Karten spielt und Bierflaschen leert, besucht Szameks Tochter Eva (schelmisch am BH zupfend gespielt von Ben Westerath) ganz selbstverständlich ihren geliebten Konstantin auf der anderen Flussseite. Auf der Brücke angelt ein mürrischer Privatpädagoge (Sarah Christl), der gewaltig mit seiner Frau aneinander gerät (Philipp Link), und sich mehr um Fische und Würmer sorgt, als um die Grenze. Auch das schräge Schmuggler-Duo in Nonnen-Verkleidung, Schmugglitschinski (Lisa Zerna) und Frau Leda (Jan Daumin), hat kein Problem, die Grenzer auszutricksen. Richtig grotesk wird es freilich, als Havlicek an die Regierungschefs X (Maxi Heß mit „Sekretär“ Antonia Lutz) und Y (Jessica Laschinger) gerät, die sich nachts heimlich auf der Brücke treffen wollen. In einem flüchtigen Moment begehrt der Drogist da gegen die bürokratischen Mühlen auf - was später entscheidend für das obligatorische Happy End sein wird. Die Schüler hätten in diesem Jahr das Stück selbst ausgesucht, erklärt Regisseurin Petra Vetter, die seit 20 Jahren Stücke am Leibniz-Gymnasium inszeniert, gemeinsam mit Walter Flintsch, der seit 30 Jahren den „Theatervirus“ nicht mehr los geworden sei und auch im Ruhestand noch als technischer Leiter helfe. Die Stückwahl überrascht. „Hin und her“ gehört nicht zu Horváths bekannten Werken. „Für unsere Belange hat es gut gepasst, auch wenn es nicht das beste Stück von Horváth ist. Wir haben viel verändert und es auf unsere Bedürfnisse zurechtgeschnitten“, so Vetter. Die Songs im Stück habe man zum Beispiel gestrichen, dafür die Figur des Vavrinek und des Engels eingefügt. Im Oktober letzten Jahres begannen die Proben, ab Januar die heiße Phase, am Schluss habe man jeden Tag geprobt. Kein Pappenstil bei 15 Schülern auf der Bühne, und nochmals 17 Schülern, die hinter den Kulissen für Licht, Ton, Bühnenbild, Maske, Kostüme und Requisite zuständig sind. Für die musikalische Untermalung waren Maximilian Leonhardt und Wolle Völkl verantwortlich. Die Theatergruppe habe allerdings schon einmal mehr Mitglieder gehabt, berichtet Vetter. „Wir sind froh, dass es jetzt wieder so viele sind. Allerdings gehen heuer auch einige“, erklärte sie mit Blick auf die Abiturklasse.
Auffällig an der Inszenierung sind die gegengeschlechtlich besetzten Rollen. Das sorgt nicht nur für den einen oder anderen Lacher, dieser Kniff verstärkt auch den Eindruck der Posse. Nicht nur die bürokratische, auch die Grenze zwischen Frauen und Männern rückt in den Blick. Die vertauschten Geschlechter seien zunächst aus der Not heraus zustande gekommen, „weil zu wenig Jungs Theater spielen“, erklärt Vetter. So habe man daraus eine Tugend gemacht: „Es bietet sich von der Thematik her an, auch diese Grenzziehungen aufzugreifen. Platt werden sollte es trotzdem nicht. Wir haben bewusst auf die ganz harten Klischees verzichten wollen“, so die Regisseurin. Die Schüler hätten großen Spaß am Rollentausch gehabt. Das sei für alle hochinteressant gewesen, erinnert sich die Regisseurin. Morgen um 20 Uhr wird „Hin und her“ zum letzten Mal in der Theateraula des Leibniz-Gymnasiums zu sehen sein. Der Eintritt an der Abendkasse kostet sieben Euro. Telefonische Reservierungen sind möglich über das Sekretariat, 09187/409150. Frank Erik Walter |
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| last update : 01.05.2018 | |||||||||||||||
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