Das ist er also, der schönste Tag im Leben eines jungen Brautpaares: Familie und Freunde sind versammelt, man feiert miteinander den Beginn des neuen, gemeinsamen Lebensabschnitts. Es wird aufgetischt, was das Familienbudget nur irgend hergibt, Musik und Tanz sorgen für ausgelassene Stimmung … wären da nicht die kleinen Trübungen:
die ewig nörgelnde Stimme der Bräutigamsmutter, das nicht nur sich gegenseitig angiftende ungleiche Schwesternpaar aus der Nachbarschaft, die frühreifen Blumenkinder, die schwerhörige Großmutter der Braut, die erotisch fixierte Schwester und ihr unerfahrenes Opfer, der ach so galante beste Freund des Bräutigams und natürlich der schwadronierende Brautvater, der zu jedem Stichwort eine "Anekdote" zu erzählen weiß. Nicht zu vergessen, der schon einige Monate herangereifte Anlass der überhasteten Hochzeit, den die Braut gar zu gern unter ihrem weißen Kleid verborgen wissen möchte und der den - zumindest in diesem Metier nicht sonderlich bewanderten - Bräutigam dazu veranlasst hat, einen Hausstand mit eigener Hand zusammenzuzimmern.
Brecht hatte offenbar trotz seiner Jugend - er schrieb den grellen Einakter mit 21 Jahren noch vor seiner Konzeption des epischen Theaters - bereits einen geschärften Blick für die Nuancen zwischen kleinbürgerlicher Hoffnung und Enttäuschung. Schonungslos entlarvt er die zur Schau gestellte Moral ebenso wie die verordnete Fröhlichkeit, die nicht nur dem Brautpaar an diesem Tag so wichtig sind. Man braucht gar nicht viel vom Lack abzukratzen, um hinter der angestrengten Fassade auf Missgunst, Böswilligkeit und Triebhaftigkeit zu stoßen. Das mühsam zusammengeleimte Harmoniegebäude dünstet unablässig den Mief bloß vordergründiger Sittsamkeit aus und zerbricht im wörtlichen Sinne mit jedem der vom Bräutigam selbst gebastelten Möbelstücke. Einzig dem Brautpaar räumt er letztlich vielleicht doch noch eine Chance ein, wenn er sie in die private Zweisamkeit ihres maroden Schlafzimmers mit einem Kichern entlässt.
Die Tatsache, dass die Leibniz-Theatergruppe mit dieser Produktion bereits die zweite Inszenierung im laufenden Jahr präsentiert und damit vom üblichen Aufführungstermin vor Ostern abweicht, entspringt allein den Erfordernissen des diesjährigen Doppel-Abiturjahrs. Auch die deutlich kondensierte Gruppenstärke ist wohl den veränderten Anforderungen geschuldet, die manches Talent davon abhält, seine Kräfte in etwas so Zeitaufwändiges wie die Theaterarbeit zu investieren. Schade - aber sehr wohl verständlich! Umso höher ist es einzuschätzen, dass der verbliebene Rest hartnäckig und ohne die verdiente Kreativpause nach der letzten Aufführung sofort neu eingestiegen ist, um das Theater am Leben zu halten.
P.V.