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Experiment gelungen
Theatergruppe des Leibniz brillierte mit "Jedermann"
aus "Der Bote" vom 14.03.2005 |
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Eine "herausragende Leistung" nannte Schulleiter Karlheinz Graß, was die Theatergruppe des Leibniz-Gymnasiums unter Leitung von Petra Vetter mit der "Jedermann"-Adaption nach Hofmannsthal bei der Premiere am Samstag Abend auf die Bühne gestellt hat. Die Salzburger könnten sich von dieser Inszenierung noch eine Scheibe abschneiden, meinte er. Auf die Festspielprofis bezogen war dies natürlich scherzhaft gemeint, doch wenn man im Auge behält, dass es sich hier "nur" um eine Schüleraufführung handelte, muss man ihm Recht geben:
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Das seit Jahren gewohnte hohe Niveau der Aufführungen der Leibniz-Akteure wurde auch in diesem Jahr wieder gewahrt und kann so leicht von keinem anderen Schul-Ensemble getoppt werden, ob in Salzburg oder anderswo.
Dies gilt nicht allein für die schauspielerische Performance und die dramaturgische Leitung, sondern auch für die musikalische Gestaltung sowie für all jene, die hinter der Bühne für das Gelingen der Veranstaltung mitwirkten.
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Man habe sich mit dem "Spiel vom Sterben des reichen Mannes" erstmals an ein Stück gewagt, mit dem man wegen der bekannten Salzburger Festspiele gegen "fertige Bilder im Kopf" anspielen musste, beschreibt Regisseurin Petra Vetter, die seit vielen Jahren diese aufwändigen Theatervorstellungen an der Schule mit enormem Engagement und großem Erfolg plant und durchführt, das Wagnis. Auch fehlen diesem Stück fast gänzlich die komischen Akzente, die doch immer "Garanten für die spontane Anteilnahme des Publikums" seien. Dennoch ist man - nicht zuletzt auch auf Wunsch der Spielertruppe - dieses Risiko eingegangen. Der Grundgedanke des Stücks, dass nämlich die materielle Ausrichtung des Lebens menschliche Werte und die Endlichkeit des irdischen Lebens vergessen lässt, erschien den Schülern allerdings zeitgemäß, so dass sie sich an einer interessanten und an die Hofmannsthalsche Fassung stark angelehnten Version des "Jedermann" versuchen wollten. Einige Figuren mussten gestrichen werden, der Schluss ist weniger versöhnlich als bei Hofmannsthal, aber die Grundproblematik der Parabel wurde hervorragend herausgearbeitet.

Um es vorweg zu nehmen, das Experiment ist gelungen, nicht zuletzt, weil die Schauspielgruppe erstaunliche darstellerische Fähigkeiten aufwies. Nuanciert verstanden die Beteiligten, alle Facetten der jeweiligen Befindlichkeiten des Jedermanns und der ihn umgebenden Personen herauszuarbeiten und auf der passender Weise schwarz abgehängten Bühne vorzuführen. Der dramaturgische Kunstgriff, den Jedermann von zehn verschiedenen Personen gleichzeitig spielen zu lassen, seine Geliebte übrigens von drei, intensivierte die Züge des dargestellten Charakters in beeindruckender Weise.
Der bekannte Inhalt wurde nicht verändert: Der materialistische Jedermann, reizt Gott durch sein anmaßendes, unmenschliches und ausschließlich auf die Anhäufung materieller Güter ausgerichtetes Verhalten so sehr, dass er beschließt, ihm den Tod zu schicken und ihn Rechenschaft über sein Verhalten auf Erden ablegen zu lassen. So erlebt der Zuschauer zunächst, wie hartherzig der bzw. die zehn Protagonisten sich gegenüber notleidenden Schuldnern verhalten, wie sie die Armen, die um Hilfe bitten, auch noch verhöhnen. "Es gibt nichts auf der Welt, das ich mit Geld nicht kaufen könnte", prahlen die fünf weiblichen und fünf männlichen Jedermänner. Im gleichen Kostüm, identisch geschminkt und arrogant im Verhalten - distanziert und unangreifbar wirken sie anfangs.
Umgeben ist dieser zehnköpfige Jedermann von einer Schar Personal, das nicht eben freundlich behandelt wird, von der Mutter, die eine Vorahnung verspürt, aber nicht ernst genommen wird, von der Geliebten - in dreifacher Ausführung - und den Basen sowie anderen Schmarotzern, die sich nur des Geldes und der rauschenden Parties wegen mit Jedermann abgeben.
Doch der Tod ist bereits unterwegs. Bemerkenswert einfühlsam herausgearbeitet wurde der Stimmungswandel, der sich allmählich bei den Jedermännern vollzieht, noch bevor der Tod in Erscheinung tritt. Sie können die ausgelassene Partystimmung nicht mehr genießen, etwas Drohendes, bis dato Unbekanntes liegt in der Luft, und der sonst so selbstsichere Partylöwe Jedermann wird unruhig und depressiv.
Diesen Stimmungswandel bringen die zehn Akteure in authentischer Weise zum Ausdruck, sie zeigen ihre Wandlungsfähigkeit vom widerlichen Fatzke zum unsicheren Gastgeber, eine Entwicklung der Befindlichkeiten, die schließlich in Panikmomenten gipfelt, als der Tod tatsächlich auftritt. Er trägt sein Anliegen vor ("Es war dir alles nur geliehen!") und lässt sich noch auf den kleinen Deal ein, der Jedermann eine Stunde Zeit gibt, um einen Mitmenschen zu finden, der die letzte Reise mit ihm zusammen antritt. Natürlich erklärt sich keiner von den Freunden, Verwandten und Angestellten bereit, ihn ins Jenseits zu begleiten, wie immer der Hauptdarsteller auch darum betteln mag.
Stärkste Szene des Stücks
Diese Szene ist wohl die stärkste des ganzen Stücks. Den zehn Jedermännern gelingt es glaubwürdig, die Torschlusspanik nicht nur in Worten, sondern vor allem durch eine vollendete Körpersprache auszudrücken, und die anderen, an die dieses Ansinnen herangetragen wird, verstehen es meisterhaft sich schnell aus der Affäre zu ziehen. Ohne Begleitung stirbt Jedermann schließlich, und Gott resümiert: "Länger ist es nicht mehr zu ertragen, hartherzig sind sie, die Menschen, maßlos und böse."
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Die Begeisterung der Zuschauer in der voll besetzten Aula ist groß, was aber nicht allein der schauspielerischen Leistung der Theatergruppe zuzuschreiben ist. Das ganze Stück wird von Anfang bis zum Ende von ausgezeichneter Live-Musik begleitet, die Steffen Murau (K12) ausschließlich für diese Aufführung komponiert hat. Mit erstaunlichem künstlerischen Verständnis hat er für ein kleines Orchester, das leider für die Zuschauer nur zu hören, nicht zu sehen war, eine musikalische Konzeption geschaffen, die sich in jeder Beziehung "maßgeschneidert" für diesen Jedermann darstellte. Mit Ausnahme einer tickenden Uhr zu Beginn und am Ende, die die Endlichkeit des Lebens symbolisierte, war die untermalende Musik echt und der jeweiligen Szene hervorragend angepasst. So lässt schon der drohende Tonfall des Klaviers in der Ouvertüre nichts Gutes ahnen, bei der Mathias Bechert an der Trompete brilliert, während bei der Party zunächst entspannte Unterhaltungsmusik das locker-laszive Moment der Feier unterstreicht. Für die besondere Qualität des musikalischen Parts sorgte Ex-Leibnizianer Wolfgang Völkl, der auch die musikalische Abendleitung inne hatte. Dass Steffen Murau auch gleichzeitig einen der zehn Jedermänner darstellte, wird aus dem Programmheft ersichtlich.
Besondere Highlights der Aufführung gab es etliche, eine Erwähnung muss daher unvollständig bleiben.
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Beeindruckend war die Verkörperung des "guten Freundes" durch die talentierte Corinna Friedrich, für kleine Lacherfolge sorgten die beiden lustigen Basen (Sabine Fröhlich und Tessi Muswieck) und die männliche Geliebte (Benedikt Szabo). Unter die Haut ging auch der Moment, als die arme Nachbarin und der Schuldner (Katharina Seibert, Sascha Achhammer) um Gnade baten.
Dass Regisseurin und Deutschlehrerin Petra Vetter über besonderen Theatersachverstand verfügt, hat sie in zahlreichen Aufführungen am Leibniz-Gymnasium in den vergangenen Jahren bewiesen. Sie kennt die Kniffe, die aus einer Schüleraufführung ein ernst zu nehmendes Theaterstück machen, wenn sie zum Beispiel die Aufmerksamkeit der Zuschauer auf die handelnden Personen richtet, indem sie die zeitweise unbeteiligten zu Standbildern erstarren lässt, sie legt Wert auf kleine Details, wie den Ruf des Tods nach Jedermann, den die Anwesenden mit Ausnahme des Betroffenen gar nicht hören. Und dass es für sie kein Problem darstellt, mit einem sich von Jahr zu Jahr wandelnden Ensemble zu arbeiten, hat sie ebenfalls unter Beweis gestellt. Ihr und allen Beteiligten, darunter auch der technische Leiter, Lehrer Walter Flintsch, wurde abschließend vom Schulleiter, dem Publikum, aber auch allen Mitwirkenden ganz besonders gedankt.
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Zwei weitere Aufführungen sind am Dienstag, 15. März, und am Mittwoch, 16. März, um 20 Uhr in der Aula des Leibniz-Gymnasiums zu sehen.
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GISA SPANDLER
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