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  2005

 
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  Hugo von Hofmannsthal:       Jedermann,
das Spiel vom Sterben des reichen Mannes

 

Der Autor über sein Stück

 
Die deutschen Hausmärchen, pflegt man zu sagen, haben keinen Verfasser. Sie wurden von Mund zu Mund weitergetragen, bis am Ende langer Zeiten, als Gefahr war, sie könnten vergessen werden oder durch Abänderungen und Zutaten ihr wahres Gesicht verlieren, zwei Männer sie endgültig aufschrieben. Als ein solches Märchen mag man auch die Geschichte von Jedermanns Ladung vor Gottes Richterstuhl ansehen. Man hat sie das Mittelalter hindurch an vielen Orten in vielen Fassungen erzählt; dann erzählte sie ein Engländer des fünfzehnten Jahrhunderts in der Weise, daß er die einzelnen Gestalten lebendig auf eine Bühne treten ließ, jeder die ihr gemäßen Reden in den Mund legte und so die ganze Erzählung unter die Gestalten aufteilte.

 

 
Diesem folgte ein Niederländer, dann gelehrte Deutsche, die sich der lateinischen oder der griechischen Sprache zu dem gleichen Werk bedienten. Ihrer einem schrieb Hans Sachs seine Komödie vom sterbenden reichen Mann nach. Alle diese Aufschreibungen stehen nicht in jenem Besitz, den man als den lebendigen des deutschen Volkes bezeichnen kann, sondern sie treiben im toten Wasser des gelehrten Besitzstandes. Darum wurde hier versucht, dieses allen Zeiten gehörige und allgemeingültige Märchen abermals in Bescheidenheit aufzuzeichnen. Vielleicht geschieht es zum letztenmal, vielleicht muß es später durch den Zugehörigen einer künftigen Zeit noch einmal geschehen.

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Biographisches

Hugo von Hofmannsthal wurde am 1. Februar 1874 als einziges Kind eines Bankdirektors in Wien geboren. Noch als Gymnasiast veröffentlichte er, meist unter dem Pseudonym Loris, seine ersten Gedichte und das Versdrama Gestern, das seinen frühen Ruhm innerhalb des literarischen Wien begründete und ihm Einlaß in die Salons des gebildeten Wiener Großbürgertums verschaffte.

Er wurde in den Kreis der sogenannten Jung Wiener Literaten aufgenommen, die sich in den Wiener Cafés, vor allem im Griensteidl, trafen, unter ihnen Richard Beer-Hofmann, Arthur Schnitzler, Felix Salten, Karl Kraus und Hermann Bahr. Der deutsche Dichter Stefan George umwarb ihn. 1892 erschien Der Tod des Tizian in dessen 'Blättern für die Kunst', auch wurden dort in der Folgezeit Hofmannsthals berühmteste Gedichte wie Vorfrühling, Weltgeheimnis, Ballade des äußeren Lebens u.a. veröffentlicht, obwohl seine Beziehung zu George von Anfang an äußerst spannungsreich war.

An der Wiener Universität studierte Hofmannsthal zunächst Jura, dann romanische Philologie und promovierte 1898 mit einer Arbeit über den Sprachgebrauch bei den Dichtern der Plejade. Eine Habilitationsschrift Studie über die Entwickelung des Dichters Victor Hugo stellte er 1901 fertig, zog sein Habilitationsgesuch jedoch zurück.

Von nun an lebte er als freier Schriftsteller, vor allem für das Theater, zunächst in Beziehung zu Otto Brahms Berliner 'Freien Bühne', später in enger Zusammenarbeit mit Max Reinhardt. So entstanden die Kleinen Dramen in den neunziger Jahren des 19. Jhs. und dann, zu Beginn des 20. Jhs. Das gerettete Venedig, Elektra, Ödipus und die Sphinx, nach dem ersten Weltkrieg auch Komödien, Der Schwierige, Der Unbestechliche.

Für den Komponisten Richard Strauss schrieb Hofmannsthal die Libretti Elektra, Der Rosenkavalier, Ariadne auf Naxos, Die Frau ohne Schatten und Arabella.

Zusammen mit Max Reinhardt begründete er in den zwanziger Jahren die Salzburger Festspiele und schrieb dafür die Dramen Jedermann und Das Salzburger Große Welttheater. Neben den Erzählungen Das Märchen der 672. Nacht, Reitergeschichte, Das Erlebnis des Marschalls von Bassompierre, Lucidor und Die Frau ohne Schatten, ist der unvollendete Romanentwurf Andreas zu nennen.

Bedeutend sind auch sein essayistisches Werk und die Erfundenen Gespräche und Briefe, vor allem der bekannte Brief des Lord Chandos, mit seiner Sprachkritik.

Das Mißtrauen gegenüber dem geschriebenen Wort führte Hofmannsthal auch zum Ballett und zur Pantomime, später zum Film (damals noch stumm), wofür er ebenfalls Texte schrieb.

Am 15. Juli 1929 starb Hofmannsthal, am Tag der Beerdigung seines Sohnes Franz, der sich zwei Tage zuvor erschossen hatte.


Text und Foto mit
freundlicher Genehmigung von  
    http://www.navigare.de/hofmannsthal/
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last update : 01.05.2018
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