Witold Gombrovicz: "Yvonne, die Burgunderprinzessin"
EIN KRANKES KÖNIGREICH, EINE TÖDLICHE KARAUSCHE UND JEDE MENGE KOMIK!
aus "Der Bote" vom xx.xx.2003

Auch die Aula einer Schule kann sich gelegentlich in eine an Sartre erinnernde "Hölle" des Absurden verwandeln. Am Samstag, den 05. April 2003 konnte man amüsierter Zeuge davon werden. Gegeben wurde dort die dämonische Komödie "Yvonne, die Burgunderprinzessin" des polnischen Exilschriftstellers Witold Gombrovicz (1904-1969), eine groteske Parabel über verlogene Etikette, die Ränkespiele der Macht und die Unlösbarkeit des Geschlechterkampfs. Das an Wortwitz berstende, hochmoderne Stück aus dem Jahr 1935, das - zwanzig Jahre vor Beckett und Ionesco! - als absurde Farce seiner Zeit weit voraus war, erzählt vom dekadenten Hof zu Burgund, der durch die Verlobung des Kronprinzen mit der abstoßend hässlichen, trägen und sprachlosen Yvonne, deren provozierende Andersartigkeit zum Störfaktor aber auch zum Spiegel der dekadenten Gesellschaft wird, völlig aus den Fugen gerät und nur durch einen Mord die ursprüngliche ‚Normalität' wiederherzustellen vermag. Sich dieses vielschichtigen Stücks angenommen zu haben, war sicher ein Wagnis für die (zudem weitgehend neu formierte) Theatergruppe des Leibniz-Gymnasiums unter der Leitung von OStRin Petra Vetter, aber es wurde bravourös gemeistert! Eine abstrakt-karge Bühne, stimmige Klangraum-Untermalung (Konstantin Voigt), sensationell schräge Kostüme und ein brillant choreographiertes, spielfreudiges Ensemble - mehr brauchte es eigentlich nicht für einen äußerst kurzweiligen, abendfüllenden Theaterabend! Die i-Tüpfelchen des gelungenen Ganzen waren dann aber doch die hervorragenden schauspielerischen Einzelleistungen, angefangen mit Matthi Döpkes grandioser Darstellung des überdrehten Prinzen über die herrlich intriganten Kammerdamen (Ute Groß, Corinna Friedrich) und den debil-größenwahnsinnigen König (wunderbar: Wolfgang Völkl) bis hin zu Charlotte Ahlswedes nuancenreicher, psychologisch stimmiger Darstellung der Königin, deren leitmotivisch schrilles "Iiiiignaz!" man nicht so rasch vergisst. Im Zentrum agierte (fast ohne Worte) Ulla Wittenzellner, die den Zuschauern das Rätsel "Yvonne" durch ihre unglaubliche Bühnenpräsenz und ihr großes schauspielerisches Talent eindringlich vergegenwärtigte.
"Mein Fräulein, erklären Sie uns Ihren Mechanismus!", sagt der Prinz einmal zu Yvonne; diesen denkwürdigen Satz möchte man im Grunde an die Leiterin und Regisseurin Petra Vetter richten. Wie sie es geschafft hat, aus dem jugendlichen Ensemble ein so hohes Maß an Schauspielkunst und choreographischer Präzision herauszukitzeln, bleibt - wie immer - ihr Geheimnis. Einmal mehr hat sie Maßstäbe für modernes Schultheater gesetzt und gezeigt, wie man mit Einfühlungsvermögen und Enthusiasmus auch Neulinge auf den Brettern, die manchmal tatsächlich die Welt bedeuten, zu Höchstleistungen anspornen kann.
Am Ende gab's nicht enden wollenden Applaus für alle Mitwirkenden und ausgiebiges Blumen-Lob von OStD Karlheinz Graß, der von einem "Volltreffer" sprach. Dem ist nichts hinzuzufügen.
A. Davidson