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  Friedrich Dürrenmatts „Frank V.“ am Leibniz-Gymnasium
oder der geplatzte Traum von einem Häuschen im Grünen
aus "Der Bote" vom 07.04.2001

Der Autor Friedrich Dürrenmatt wird in Schulkreisen gemeinhin mit den Stücken „Die Physiker“ oder auch „Der Besuch der alten Dame“ in Verbindung gebracht. Die Theatergruppe des Leibniz-Gymnasiums in Altdorf entschied sich jedoch für die weniger strapazierte Komödie „Frank V.“ und konnte dank der professionellen Regie von Frau OStRin Petra Vetter, dank des Engagements, des präzisen Spiels und der Musikalität der Akteure auch in diesem Jahr einen großen Erfolg für sich verbuchen.

Im Zentrum der nicht ganz alltäglichen Komödie steht die Privatbank Gottfried Franks, dem fünften in der Generationenfolge der Franks (in beiden Aufführungen dargestellt vom ehemaligen Schüler des Leibniz-Gymnasiums Jörg Szameitat, der das Leiden einer humanistischen Seele an den Gesetzmäßigkeiten des Geschäftslebens wunderbar ergraut und gebrochen wiedergab), der mit seiner Gattin Ottilie (Doreen Habicht/Eva Zitta) der Privatbank und den üblen Machenschaften vorsteht, die im Namen eben dieser Privatbank verübt werden. Doreen Habicht gibt eine sehr energische, ob ihres ausdrucksstarken Spiels und einer sehr genauen Artikulation überaus charismatische Ottilie ab, von der sich die Interpretation Eva Zittas interessant unterscheidet. Eva Zitta verleiht ihrer Ottilie weniger Härte, aber nicht weniger Präsenz und Dynamik. Beide Damen haben ihren Gatten fest im Griff und er dankt ihnen ihre dominante Eigenständigkeit, da sie ihm die Möglichkeit gibt, zumindest ab und an in die hehren Bereiche des Geistes einzutauchen.

Um das korrupte Ehepaar herum gruppieren sich die Angestellten Luise Häberlein (Claudia Gaertner), Gunda Schmalz (Anja Krause) und Theo Kappeler (Lars Lubkoll), denen es allesamt gelingt, durch differenziertes Spiel Akzente zu setzen und somit Typen zu schaffen, die sich scheinbar mühelos in den verbrecherischen Ablauf der Privatbank einfügen, beziehungsweise daraus entfernt werden müssen, sollten sie aus der Reihe tanzen.

Hervorzuheben ist ebenfalls die engste Vertraute des Ehepaares Frank, Emma Böckmann, auf beeindruckend empathische Weise verkörpert von Angela Ott, die den Entschluss fasst, ihrem Leben zumindest im Angesicht des bevorstehenden Krebstodes Sinnhaftigkeit abzutrotzen: Sie möchte ihre Sünden beichten und Absolution erlangen. Doch der befreiende Weg der Sühne wird ihr versperrt durch die wirksame Spritze ihrer besten „Freundin" Ottilie.

Auch die sanfte, die Gesetze ihrer Religion befolgende, will heißen: durch Geld manipulierbare Pfarrerin Moser (Charlotte Ahlswede) kann den Lauf der Geschichte nicht wenden und fühlt sich auch in keiner Weise dazu bemüßigt.

Eine treibende Kraft des Stückes ist Päuli Neukomm, sympathisch kariert-hemdig, naiv und doch schlitzohrig gespielt von Matthi Döpke. Unvergesslich die Szene, als im Tresorraum Frank V., Päuli, Frau Schmalz und der Personalchef Richard Egli zusammentreffen und einander misstrauend auf den angeblichen Erpresser warten.

Eine wichtige Rolle in der Belegschaft dieser nicht ganz gewöhnlichen Privatbank fällt der Hure Frieda Fürst zu, dargestellt von Nina Stückler und Swantje Paprotta, deren intensives Spiel die Persönlichkeit Friedas erfreulich unterschiedlich und nuancenreich ausleuchtete. So geriet die Frieda Nina Stücklers etwas lasziver, während Swantje Paprotta die Liebe zu ihrem Richard mehr betonte, beide aber beherrschten die Darstellung der Dame vom horizontalen Gewerbe wunderbar, für deren Dienste Schlumpfi (Frieder Nagel) kein Preis zu hoch ist.

Und somit wird es höchste Zeit, auf den Personalchef Richard Egli zu sprechen zu kommen, rechte Hand der Franks, tüchtig genug, den Zusammenbruch der Bank zu überleben und in all seiner schmierigen Tüchtigkeit sehr unangenehm. Dominique Schäfer gab einen überzeugend schleimigen und anbiedernden Richard ab, wobei man sich ab und an eine Modulation in Stimme und Ausdruck gewünscht hätte.

Richard wird aus dem Absturz der Bank unbeschadet hervorgehen und sich mit den Nachfolgern, den Kindern und zugleich Erpressern der Franks verbünden. Die Zukunft der Privatbank liegt in den Händen von Herbert (Frieder Nagel) und Franziska (Ulla Wittenzellner). Die beiden ergänzen sich gut als Brüderchen und Schwesterchen und bringen einen heftig beklatschten jugendlichen und im Falle Franziskas auch erotischen Drive in die Aufführung.

Und die Opfer des Systems?

Zunächst Heini Zurmühl (gelungen burschikos verkörpert von Ulla Wittenzellner), der wie viele andere im Keller das Leben lassen muss, da man seine Leiche als Ersatz für Frank V. benötigt. Sehenswert aber auch Mareike Dassow in der Rolle der Irene Piaget, die eine gute Nase für Uran-Geschäfte hat, Richard Egli über den Tisch zieht, selbst aber völlig verstrahlt ihrem sicheren Ende entgegensieht. Hervorragend in ihrem österreichischem Charme und verdientermaßen mit Sonderapplaus bedacht Conny Böhner als Appolonia Streuli, die sich entgegen der Hoffnung Eglis saniert, gesundheitlich und optisch jedoch erhebliche Federn lassen muss.

Das komisch-tragische Geschehen in der Bank, das den Zuschauer zwar oft zum Lachen reizt, letzten Endes aber doch sehr oft verdutzt und erschreckt auf den Stühlen verharren lässt, wird dokumentiert und ironisch kommentiert von drei Putzfrauen, die Corinna Friedrich, Lena Kues und Verena Engelhardt sehr engagiert spielen.

Was bleibt? Das Ehepaar Frank ergeht sich in Gin und Goethe, die Privatbank geht über auf die nächste Generation, Verbrechen bleiben ungesühnt, die Erlösung bleibt aus.

Unter der hervorragenden Regie von Frau Petra Vetter ist es den Schauspielern wieder einmal gelungen, die gewohnt hohen Maßstäbe zu erfüllen. Bis in die kleinste Nebenrolle (Lars Lubkoll als Traugott v. Friedemann, Katharina Hierl als immer höfliche Wilhelmine, Verena Engelhardt als mildtätige Krankenschwester und Claudia Gaertner, Swantje Paprotta/Nina Stückler als Begleiterinnen des blinden und korrupten Staatspräsidenten Traugott) wurde diszipliniert, meist sehr facettenreich und bewundernswert textsicher gespielt.

Vollendet wurde der positive Gesamteindruck durch die das gesamte Stück durchziehende und der Aussage des Stücks höchst adäquate Musik, die der ehemalige Schüler und dem Theater immer noch sehr verbundene Konstantin Voigt komponierte. Bei der die einzelnen Umbauten begleitenden Musik saß jeder Ton in gleichem Maße wie bei den als Soli oder im Chor vorgetragenen Gesangseinlagen, die jedoch nicht als etwas Hinzugefügtes, sondern als Teil der Aktion zu verstehen sind und den Schauspielern ein hohes Maß an Einfühlungsvermögen und Musikalität abverlangen.

Dürrenmatt präsentiert uns in seiner Komödie die Welt als Bühne, bei deren Betreten man jegliche Moral ablegt. Aus Furcht geschieht alles, aber natürlicherweise auch aus Misstrauen: Aus diesen Notwendigkeiten heraus muss die Bank weitermorden, vor allem müssen die Verbrecher sich selbst ausrotten: Wer frei sein will, muss sterben. Anständigkeit und Menschlichkeit sind nicht mehr als eine Phrase, eine schöne Sentimentalität und das macht das Schreckliche dieses Stückes aus.

Frank V. ist in seinem Anliegen ein ernstes Stück, meint Dürrenmatt, „ein bierernstes ist es nicht“ und als ein bierernstes wird es auch von den Schauspielern der Theatergruppe nicht verstanden, die alle ohne Ausnahme glänzend besetzt waren und deren pointierte Mimik, Gestik und Artikulation den Zuschauer unweigerlich in den Sog der Geschehnisse hineinzogen und mit wonnevollem Grauen die Unausweichlichkeit des Schicksals verfolgen ließen.

Das begeisterte Publikum dankte es den Schauspielern, allen Helfern vor und hinter der Bühne, dem Cheftechniker des Hauses, Herrn Flintsch, dem Komponisten Konstantin Voigt und vor allem natürlich Frau Petra Vetter mit langanhaltendem Applaus.

SHM

 
last update : 01.05.2018
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