Das Stück
"So was von niveaulos und unverschämt! Sich über Sprechstunden und Verordnungen lustig zu machen..." Molière legt selbstironisch diesen Vorwurf seiner Hauptfigur Argan in den Mund und lässt ihn damit begründen, weshalb er sich nicht zur Entspannung eine Molière-Komödie anschaut.
Seine vermeintlichen medizinischen Helfershelfer im Kampf gegen die eingebildeten Krankheiten dürften an einem gelasseneren Blick Argans auf sich und die Welt ebenso wenig interessiert sein wie seine junge, lebenshungerige Frau Béline und deren taktischer Stab. Allesamt haben sie sich vorgenommen, aus den Ängsten des hypochondrischen Familienvaters den größtmöglichen Profit zu schlagen - und er macht es ihnen leicht. Zwar jammert er über die ruinösen Rechnungsbeträge seines Apothekers, doch verbietet ihm sein blindes Vertrauen auch nur den geringsten Widerspruch gegen die rituell zelebrierten medizinischen Maßnahmen.
Nicht die Angst vor dem Schmerz oder vor der persönlichen Einschränkung durch die Krankheit kann es sein, die ihn veranlasst, all die sinnlosen, kräftezehrenden und entwürdigenden Therapien über sich ergehen zu lassen. Vielmehr nährt Argan offensichtlich die Hoffnung auf Unsterblichkeit - und das obwohl er formal zugunsten seiner jungen Frau ein obskures Testament aufsetzen lässt. Heimtücke und Eigennutz lassen sie als einziges Familienmitglied seinen Krankheitswahn mit dem gebotenen Nachdruck unterstützen, bis er sie endlich durchschaut.
Die ihm aufrichtig zugewandten Angehörigen und seine lebenskluge Zofe dagegen würden ihn gern aus seinem Irrglauben, selbst Dreh- und Angelpunkt der Welt zu sein, reißen und ihn wieder deren Genüssen zuführen.
Doch kann es höchstens als Teilerfolg gewertet werden, dass Argan letztlich deren Gutwilligkeit erkennt und seinen eigennützigen Plan aufgibt, seine Tochter gegen deren Willen mit einem verschrobenen "nützlichen" Arzt zu verheiraten. Als wirklich geheilt kann er leider nicht entlassen werden.
So zeitgemäß es erscheinen mag, die "teueren" Krankheiten zu thematisieren - wir haben uns dafür entschieden, dem Stück keine aktualisierende Inszenierung überzustülpen, um es nicht seines doch recht eigenen Charmes zu berauben. Allzu ernst und wirklichkeitsnah wollte selbst Molière seinen Argan nicht gesehen wissen, lebt er doch von der satirischen Überzeichnung seiner Fehleinschätzungen. Umso interessanter erscheint es uns, das Spannungsfeld zwischen seiner brüchigen Egomanie und dem unerschütterlichen Realitismus in seiner Umgebung zu beleuchten.
Wir hoffen, Sie können für knappe zwei Stunden Ihre großen und kleinen "Zipperlein" vergessen!
P.V. |
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