"MAGIER FAUST"
- das ist der Titel einer Bearbeitung des Faust-Stoffes, durch den Schweizer Niklaus Stöckli, der sich für seine Textfassung auf das Volksbuch, im Wesentlichen aber auf Goethes Urfaust und das Puppenspiel Doktor Johannes Faust von Karl Simrock stützt. (Über Letzteres gelangt etwa der derb - komische Einfaltspinsel Pickelhäring in das vorliegende Stück..)
Daneben baut Stöckli aber u.a. auch aus Heinrich Heines Ballettexposé Der Doctor Faust die hauptsächlich stummen Szenen der Geisterbeschwörung und eines ausschweifenden Hexensabbats mit ein - Elemente, die Aktion und Farbe ermöglichen, ja erfordern.
Stöckli hat seine Fassung, wie er im Untertitel ankündigt, als "Freilichtspiel" komponiert, das im August 1997 erstmals von der Klingnauer Theatergruppe als eine Art Breughelsches Spektakel realisiert wurde.
Auf das "Freilicht" verzichten wir - nicht nur angesichts der Jahreszeit unserer Aufführung - ebenso wie auf das historisierende Umfeld der Faustfigur.
Denn über die komischen wie die "übernatürlichen" Elemente hinaus weist für uns dieser Text eine Reihe noch immer interessanter und gültiger Ansätze auf, die das spontane Interesse der Spielgruppe in der Phase der Stückauswahl weckte:
- ein Mensch auf der Suche - unzufrieden mit den Grenzen, die ihm seine natürlichen Möglichkeiten und Fähigkeiten setzen.
- ein Mensch, der seine ethisch-moralischen wie religiösen Skrupel über Bord wirft in der Hoffnung auf neue Dimensionen des Glücks, in die vorzustoßen ihm vorgegaukelt wird.
- ein Mensch, der trotz der unkonventionellen Wege, auf die er sich einlässt, seine angestammte Natur nicht ganz abtun kann und so nach kurzem, rauschhaftem Genuss - abermals und nunmehr endgültig - der Unzufriedenheit mit sich und der Welt anheimfällt.
Dieser Mensch - selbst Beute bezwingender Verlockungen - wird dabei auf seinem vorgezeichneten Weg in den Untergang zudem zum Verhängnis für eine von Kirche und Elternhaus sträflich unbedarft erzogene Kindfrau, an deren Ende sich die Frage gar nicht auftut, ob sie nun göttlich "gerettet" oder teuflisch "gerichtet" sei.

Abweichend von den Erwartungen der Faustkenner haben wir einige bekannte Figuren freier gestaltet:
Warum soll die Unterwelt nicht von einer Göttin - Hada - beherrscht werden, die mit ihren weiblichen Mitteln ihren Machtbereich prägt?
Goethes staubiger, knochentrockener Famulus Wagner lässt in seiner blasierten Buchgelehrtheit Raum für ein weibliches Pendant, das - in Anlehnung an das Volksbuch - nach Fausts endgültigem Scheitern ehrgeizig seinen Magisterposten übernimmt.
Und schließlich haben wir Stöcklis Konzept konsequent weitergedacht, indem auch dem vertrauten Faust-alter ego Mephisto zusätzlich die Heinesche weibliche Seite der Mephista beigesellt wurde (wohlgemerkt zeitgleich mit, aber in Idee und Ausführung unbeeinflusst von der aktuellen Weimarer Faust-Inszenierung!).
P.V