Sollten Sie den Titel "NarrenLeben" etwas befremdlich finden, so freut uns das. Er
ist in keinem Literaturlexikon verzeichnet, auch liegt kein Druckfehler vor. Wir hoffen,
seine Mehrdeutigkeit Ihnen am Ende unseres Stückes erhellt zu haben.
Diese Bezeichung "unser" Stück trifft heuer in vollem Umfang, denn wir haben
uns erstmalig nicht eines bereits bestehenden Werks der Literatur angenommen, um es auf
unsere Verhältnisse zu übertragen und in unserem Sinn zu interpretieren. Vielmehr
haben wir es gewagt - was manch einem sicher vermessen erscheinen mag - ,diese Stück
auch selbst zu schreiben. Wir, das sind zwei Schülerinnen, zwei Schüler und eine
Lehrerin, gingen dabei aus von dem scheinbar belanglosen Satz eines Mitspielers: "Ich
möchte endlich einmal einen Narren spielen."
Den Stoff zu finden, fiel uns insofern nicht schwer, als wir nur aufmerksam unsere
Mitmenschen beobachten mußten - im kleinen Kreis der täglichen Umgebung ebenso
wie im großen Weltgeschehen, um zu sehen, was das Leben für unbedarfte
"Narren" bereithält und aus ihnen zu machen vermag. Daß es dabei
allerdings ganz und gar nicht komisch zugehen muß, dürfte einsichtig sein oder
werden.
Natürlich wollen wir im "NarrenLeben" weder mit Erasmus von Rotterdam noch
mit J.J.Rousseau konkurrieren, die diese Thematik sicher weit differenzierter betrachtet
haben. Doch reizte es uns, das Ewig - Aktuelle derartiger Gedanken parabolisch aufzuzeigen
und der Spielfreude einer großen Gruppe zu unterlegen.
Die hohe Anzahl Spielbegeisterter gestattet uns heuer ein weiters Experiment in der
Umsetzung des Stücks. Wir verfügen in den Hauptrollen über zwei Besetzungen,
die die vier Auführungen im Wechsel bestreiten, was niemals als Konkurrenz empfunden
wurde, aber sicherlich zu unterschiedlichen Interpretationsnuancen führen wird.
Noch eines sei zum Schluß angemerkt; Die Gedichte von Hans Arp und Paul Celan, die als
Prolog und Epilog den Rahmen des Stückes darstellen, haben Farina und David aus der
Sammlung ihrer Lieblingsgedichte zur Verfügung gestellt.
P.V.
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aus: Hans Arp, Menschen
Bescheidene graugestrichene Stuhlmenschen
die nichts anderes sein wollen
als Stühle auf die sich andere setzen
Löchermenschen die eine Wabe hervorbringen
aber wenig Honig
Lange lange dünne Fadenmenschen
aus weißem unbeschriebenem Faden
die auf einer Spule aufgerollt
bequem in der Hosentasche mitgeführt werden können
Menschen die der Meinung sind
daß es keinen Sinn habe
sich zu seinen zwei Beinen vorne
noch zwei Beine hinten wachsen zu lassen
und daß selbst ein einziges Bein genügte
um ins Bodenlose zu springen
Zeigermenschen die an einer Wand angebracht
sich sofort wie Zeiger im Kreise drehen
Kuckuck Kuckuck rufen
und die Zeit anzeigen
Menschen die als arabische Eins
in eine Eisenbahn einsteigen
und als römische Eins
wieder aussteigen
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aus: Paul Celan, Eingedunkelt
Schreib dich nicht
zwischen die Welten,
komm auf gegen
der Bedeutungen Vielfalt
vertrau der Tränenspur
und lerne leben.
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